| Meine Fahrräder: Geschichte(n) einer Faszination
Auf ungezählten Fahrrädern habe ich mich schon über diesen Globus bewegt. Manche waren neu, manche gebraucht, manche geliehen, manche eher zufällig verfügbar. Manche waren technisch perfekt, andere hatten ihre kleinen oder größeren Schwächen. Manche begleiteten mich über viele Jahre und tausende Kilometer, andere nur für eine einzige Reise oder einen einzigen Tag.
Jedes dieser Fahrräder erzählt eine Geschichte.
Ein Fahrrad ist für mich niemals nur ein Gegenstand aus Metall, Gummi und Kunststoff. Es ist ein Werkzeug zur Entdeckung der Welt. Es ist Verbindung zwischen Mensch und Landschaft. Es trägt mich über Straßen, Wege und Pisten, durch Städte und Dörfer, über Berge und durch Täler. Es ist der unmittelbare Kontakt zur Umgebung. Kein Fenster trennt mich von der Landschaft, kein Motor übertönt die Geräusche der Straße.
Auch das macht die besondere Faszination des Fahrrads aus. Es macht die Welt langsam genug, um sie wahrzunehmen – und schnell genug, um wirklich weit zu kommen.
Der Anfang: ein Weihnachtsfahrrad im Jahr 1969
Alles begann an einem Weihnachtsfest. Man schrieb das Jahr 1969 und ich war sechseinhalb Jahre alt. Unter dem Weihnachtsbaum stand mein erstes eigenes Fahrrad. Ein gigantisches Geschenk. Ein Fahrrad bedeutete ein bisschen Freiheit. Es bedeutete Unabhängigkeit. Es bedeutete, den eigenen Radius plötzlich aus eigener Kraft vergrößern zu können.
Allerdings gab es ein kleines Problem. Weihnachten auf der Nordhalbkugel fällt bekanntlich in den Winter. Und Winter bedeutete damals wie heute: Kälte, vielleicht Schnee und wenig Gelegenheit für ausgedehnte Probefahrten. Meine Eltern waren deshalb der Meinung, dass das erste große Fahrraderlebniss noch etwas warten könnte.
Noch schlimmer: Das neue Fahrrad verschwand im Keller meiner Oma. Für Moooonate. Aus der Sicht eines sechsjährigen Jungen erschien das als eine große Zumutung. Ein eigenes Fahrrad war da – und trotzdem unerreichbar. Die Vorfreude musste sich also noch etwas gedulden.
Ein Kinderfoto beweist jedoch: Irgendwann durfte ich es tatsächlich benutzen. Spätestens 1971 war es so weit. Das Fahrrad wurde vom Ausstellungsstück im Keller zum echten Begleiter. Rückblickend war es der Beginn einer langen Beziehung.
Oder begann die Geschichte schon früher?
Möglicherweise begann die Geschichte meiner Faszination am Fahrradfahren sogar noch früher. Ein Foto zeigt mich – wie damals üblich - im Fahrradkorb am Lenker vom Mietrad meines Vaters. Auf der ostfriesischen Nordseeinsel Juist war das. Damals bin ich gerade einmal zwei Jahre alt gewesen.
Von dem entscheidenden Moment existieren keine Fotos, schon gar keine Videos. Keine Aufnahme dokumentiert den Anfang dieses ganz besonderen Moments für jeden Menschen, der die Chance hat, einmal im Leben mit dem Fahrrad zu fahren. Und trotzdem gehört diese Erinnerung für mich zur Geschichte dazu.
Viele wichtige Momente im Leben werden nicht festgehalten. Nicht der erste Schritt. Nicht der erste eigene Satz. Nicht das erste Mal, wenn man ohne fremde Hilfe Fahrrad fährt.
Gerade dieser Augenblick ist eigentlich einer der faszinierendsten Momente überhaupt: Wenn ein Kind plötzlich merkt, dass es sich selbstständig bewegt. Wenn die Unterstützung von außen nicht mehr nötig ist. Wenn Gleichgewicht, Geschwindigkeit und Bewegung zu einem neuen Gefühl verschmelzen.
Man fährt. Man fällt nicht. Man schwebt fast. Es ist ein kleiner persönlicher Triumph.
Das Geheimnis des Gleichgewichts
Dieser Moment verschwimmt ein bisschen in der Erinnerung, man ist zu jung, um ihn sich wirklich zu merken, aber dennoch schwingt er immer ein bisschen mit, wenn man ein Bein über die Stange streckt und sich abstößt vom Boden.
Das kann Teil einer lebenslangen Faszination am Fahrrad werden. Das Fahrrad funktioniert nur, wenn man in Bewegung bleibt. Wer stehen bleibt, verliert das Gleichgewicht. Diesen Gedanken soll Albert Einstein am 5. Februar 1930 in einem Brief an seinen damals 19 Jahre alten Sohn Eduard so formuliert haben: „Das Leben ist wie ein Fahrrad. Man muß sich vorwärts bewegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.“ Weltweit bekannter ist er in seiner französischen Übersetzung: „La vie, c'est comme une bicyclette, il faut avancer pour ne pas perdre l'équilibre.“
Unabhängig von Urheberschaft und Übersetzung beschreibt er sehr schön, was Fahrradfahren für viele Menschen so besonders macht. Stabilität in der Bewegung. Stillstand bringt Unsicherheit. Das gilt auf der Straße – und manchmal auch im Leben.
Auch das fasziniert mich am Fahrrad bis heute. Es zwingt mich, aktiv zu sein. Es verlangt Kraft, Konzentration und Ausdauer. Gleichzeitig belohnt es mit Freiheit, Weite und unmittelbarem Erleben.
Die ersten eigenen Räder
Natürlich habe ich im Laufe der Jahre auch eigene Fahrräder gekauft. Meist waren es keine luxuriösen Modelle. Keine Hightech-Maschinen. Keine Räder, bei denen jedes Gramm Gewicht optimiert wurde. Oft waren es vergleichsweise einfache und schwere Fahrräder. Räder, die zuverlässig funktionieren sollten. Räder, die mich ans Ziel bringen sollten.
Auf Reisen zeigt sich schnell: Nicht immer entscheidet das beste Material. Ein perfektes Fahrrad garantiert keine perfekte Reise. Und ein einfaches Fahrrad verhindert kein großes Abenteuer.
Viele meiner Fahrräder habe ich gebraucht gekauft. Manche hatten bereits eine Geschichte, bevor sie zu meinen Begleitern wurden. Besonderes Beispiel sind ein Koga-Rad und mein aktuelles Haupttourenrad von Idworx – beide mit Rohloff-Nabe. Die ist immer noch eine technische Besonderheit und für lange Touren ein sehr zuverlässiger Begleiter, zudem sehr wartungsarm.
Mit manchen Rädern bin ich tausende Kilometer gefahren. Andere begleiteten mich nur auf wenigen Reisen. Manche waren für eine bestimmte Tour ideal. Andere erwiesen sich erst unterwegs als Herausforderung. Und jedes Fahrrad hinterlässt Spuren, Erinnerungen.
Das Condor-Fahrrad meines Onkels Hans
Besonders verbunden bin ich mit einem Fahrrad, das eigentlich schon längst nicht mehr hätte weiterfahren sollen. Es war das Condor-Herrenrad meines früh verstorbenen Onkels Hans. Dieses Fahrrad war kein modernes Reisefahrrad. Kein Expeditionsrad. Kein speziell für Weltreisen entwickeltes Modell. Aber es hatte Charakter.
Irgendwann kam der Moment, an dem der Zahn der Zeit nicht mehr zu übersehen war. Der Rahmen war durchgerostet. Auf einer Tour an der Nahe passierte schließlich das Unvermeidliche aber doch nicht Vorhergesehene: Der Rahmen brach erst an. Ich fuhr vorsichtiger. Doch wenige Kilometer später brach er endgültig.
Eigentlich wäre die Tour damit beendet gewesen. Doch ich wollte unbedingt die Tagesetappe mit Miri auf unserer allerersten gemeinsamen Tour zu Ende radeln. Aufgeben war deshalb die allerletzte Option. Mit einem kleinen Stöckchen stabilisierte ich schließlich versuchsweise die beschädigte Stelle. Ich zog den Rahmen an der gebrochenen Stelle auseinander, schob das Stöckchen in den oberen Teil des Stahlrohrs, führte die Rohre wieder zusammen, und das kleine Holzstöckchen fiel herunter, sodass es fürderhin verhinderte, dass der Stahlrahmen zu sehr schlingerte. Big Surprise: Ich konnte weiter fahren auf dem alten Fahrrad von Onkel Hans - trotz Rahmenbruch. Noch rund 80 Kilometer bis zum Etappenende.
Technisch betrachtet war das sicher keine ideale Lösung. Aus heutiger Sicht würde man wahrscheinlich jedem davon abraten. Aber diese Geschichte zeigt etwas Wichtiges: Das entscheidende Element einer Fahrradtour ist nicht nur das Fahrrad. Es ist der Mensch darauf. Es ist der Wille, ein Ziel zu erreichen. Es ist die Bereitschaft, Lösungen zu finden.
Perfektes Material kann hilfreich sein. Aber es ersetzt nicht die Erfahrung, Kreativität und Entschlossenheit des Fahrers.
Mieträder: unterwegs mit Kompromissen
Später kamen auch Touren mit Mieträdern hinzu. Gerade bei Reisen außerhalb Europas bieten sie große Vorteile. Der Transport eines eigenen Fahrrads im Flugzeug ist oft kompliziert, teuer und meist nervenaufreibend. Verpacken. Gewichtslimits beachten. Beschädigungen vermeiden. All das kann den Beginn einer Reise belasten.
Ein Mietrad dagegen wartet bereits am Zielort. Natürlich haben Mieträder fast immer Einschränkungen. Sie sind selten exakt so ausgestattet, wie ich es mir wünschen würde. Hauptprobleme für mich sind die Sattelstangen, die zu kurz sind. Ich muss die Beine voll ausstrecken können, sonst kommen schnell Schmerzen im Knie. Außerdem fehlt bei Mieträdern oft ein Gepäckträger. Vor allem ein Gepäckträger, der auch die gängigen Packtaschen trägt. Den großen Korb, den ich gern auf dem Gepäckträger installiere, kann ich sowieso vergessen.
Auch das kann Teil des Abenteuers sein. Eine Reise bedeutet immer, sich auf Neues einzulassen. Nicht alles kontrollieren zu können. Mit den vorhandenen Möglichkeiten das Beste zu machen. Manchmal entsteht gerade aus diesen Einschränkungen eine besondere Erinnerung.
Falträder: eine neue Freiheit
Eine besondere Entwicklung in meiner Fahrradgeschichte waren die Falträder. Die Idee dazu kam von Miri. Ursprünglich waren sie für sie eine praktische Lösung für ein damals großes Problem: den Fahrradtransport in ICE-Zügen. Mit einem normalen Fahrrad war das lange unmöglich. Falträder eröffneten neue Möglichkeiten. Sie ließen sich zusammenklappen, transportieren und leichter verstauen.
Was zunächst nur eine praktische Lösung war, entwickelte sich bald zu einer neuen Form des Reisens. Auch im Flugzeug sind Falträder ein großer Vorteil. Häufig können sie ohne zusätzliche Sonderkosten als normales Gepäck aufgegeben werden. Das erleichtert Fernreisen erheblich.
Zunächst hatte Miri ein Dahon gekauft. Bald kam ein Brompton dazu. Und schließlich habe auch ich ein Brompton gekauft. Inzwischen mehrere. Ein Brompton ist nicht nur perfekt gebaut, sondern auch optimiert für den Flugtransport. Der Verkaufskarton, den wir gern für Flüge nutzen, hat die Maximalgröße der Standardkoffer.
So habe ich inzwischen mehrere tausend Kilometer in Afrika und Amerika mit Falträdern zurückgelegt. Oft bestaunt wird das Zusammenklappen oder Aufklappen der Räder. Es wirkt für Menschen, die das gar nicht kennen, gelegentlich ein bisschen wie Voodoo-Zauber.
Natürlich haben auch Falträder ihre Grenzen. Die Laufräder sind kleiner. Die Stabilität auf der Straße ist geringer. Die Möglichkeiten der Beladung sind begrenzt. Wir nehmen es nur, wenn wir angesichts warmer Umgebung wenig Kleidung brauchen. Zelt und Schlafsack müssen dann sowieso zu Hause bleiben.
Aber auch hier gilt: Einschränkungen sind am besten als Herausforderungen zu verstehen und zu bewältigen. Touren ohne kleine oder große Schwierigkeiten bleiben weniger in Erinnerung. Große Herausforderungen bleiben am intensivsten im Gedächtnis.
Jedes Fahrrad triggert Erinnerungen
Ich blicke gern auf die Vielzahl und Vielfalt meiner Fahrräder. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich diese Begleiter waren. Und gleichzeitig gibt es auch hier und da einen kleinen Schmerz. Vor allem, wenn sie gestohlen wurden. Dann schaue ich noch nach Jahren nach ihnen. Obwohl jedes Fahrrad irgendwann verkauft und recycelt wird. Ich führe kein Museum meiner eigenen Räder oder Ausrüstung.
Aber an jedem Fahrrad hängen Erlebnisse, Landschaften, Reisen. Sie gehören zu Lebensabschnitten. Ein Fahrrad kann ersetzt werden. Aber nicht die Geschichte, die mit ihm verbunden ist.
Fahrräder als Teil meiner Lebensgeschichte
Ein Fahrrad ist niemals nur ein Fahrrad. Es ist ein Speicher von Erfahrungen. Es erinnert an Wege, die gegangen wurden. An Orte, die erreicht wurden. An Grenzen, die überwunden wurden. An Momente, in denen man erschöpft war und trotzdem weiterfuhr. An Augenblicke, in denen man auf einem Pass stand und wusste: Dafür hat sich jeder einzelne Kilometer gelohnt.
Meine Fahrräder erzählen deshalb nicht nur von Technik. Sie erzählen von Bewegung. Von Neugier. Von Freiheit. Von der Freude, die Welt aus eigener Kraft zu entdecken. Und davon, dass man nicht immer das perfekte Fahrrad braucht. Man braucht vor allem ein Ziel. Und die Bereitschaft loszufahren. (Text 2025/2026)
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